Wie hängt Manufacturing-X mit Industrie 4.0 zusammen?

Stand der Umsetzung 2026: Pilotprojekte und erste Ergebnisse

Nick Petrovic

Co-Founder

Management

Wie hängt Manufacturing-X mit Industrie 4.0 zusammen?

Produzierende Unternehmen stoßen immer öfter auf den Begriff Manufacturing-X – ohne zu wissen, was dieser mit Industrie 4.0 zu tun hat. Dieser Artikel erklärt, was Manufacturing-X ist, warum es als Weiterentwicklung von Industrie 4.0 gilt und was konkret auf Hersteller elektrotechnischer Komponenten zukommt. Am Ende verstehen Sie, wo die Initiative 2026 steht – und wo noch entscheidende Lücken bestehen.

Kurzantwort: Manufacturing-X ist eine deutsche Bundesinitiative, die auf Industrie 4.0 aufbaut und diese um souveräne Datenräume zwischen Unternehmen erweitert. Während Industrie 4.0 die digitale Vernetzung innerhalb von Fabriken adressierte, geht es bei Manufacturing-X um unternehmensübergreifenden, souveränen Datenaustausch entlang ganzer Wertschöpfungsketten. Das Fundament bilden die Asset Administration Shell, standardisierte Datenmodelle und der Datenraum Industrie.

Was ist Manufacturing-X?

Manufacturing-X ist die industriepolitische Digitalstrategie des BMWK, die 2022 gestartet wurde. Sie schafft ein offenes, souveränes Industriedatenökosystem für Deutschland und Europa. Konkret: Unternehmen sollen Produktdaten, Maschinendaten und Prozessinformationen entlang der Lieferkette teilen können – ohne Kontrollverlust über die eigenen Daten.

Das Programm wird unter dem Dach von Plattform Industrie 4.0 koordiniert und ist eng verknüpft mit europäischen Initiativen wie Gaia-X und dem Framework der International Data Spaces Association (IDSA).

Weiterentwicklung oder Neustart?

Manufacturing-X ist eine Weiterentwicklung – kein Neustart. Industrie 4.0 legte die Grundlagen: Vernetzung, Sensorik, OT/IT-Integration und smarte Fertigung im Einzelunternehmen. Diese Bausteine bleiben vollständig gültig.

Manufacturing-X ergänzt sie um eine entscheidende neue Schicht: die unternehmensübergreifende Datensouveränität. Der Sprung ist vergleichbar mit dem Übergang vom Intranet zum Internet – nur für Industriedaten. Was früher im Unternehmen blieb, wird nun kontrolliert und souverän geteilt.

Die drei Kernkomponenten von Manufacturing-X

Asset Administration Shell (Verwaltungsschale)

Die AAS ist das digitale Abbild eines physischen Assets – zum Beispiel eines Schaltgeräts, eines Transformators oder einer Steuerleitung. Sie speichert strukturierte Produktdaten (Hersteller, technische Merkmale, Zertifikate) in einem standardisierten Format. Dadurch werden Daten maschinenlesbar und über Systemgrenzen hinweg nutzbar. Die AAS ist seit 2024 durch die internationale Norm IEC 63278 standardisiert.

Souveräne Datenräume (Gaia-X / IDSA)

Datenräume ermöglichen den sicheren Datenaustausch zwischen Unternehmen – ohne zentralen Datentreuhänder. Jedes Unternehmen behält die Kontrolle: Wer bekommt welche Daten, unter welchen Bedingungen? Das ist der Kern der Datensouveränität und der zentrale Unterschied zu klassischen Datenplattformen.

Interoperabilität durch gemeinsame Datenmodelle

Damit Daten tatsächlich nutzbar sind, braucht es eine gemeinsame Sprache. Manufacturing-X setzt auf etablierte Standards wie eCl@ss und das IEC Common Data Dictionary (CDD). Für Hersteller elektrotechnischer Komponenten bedeutet das: Wer Produktdaten heute strukturiert klassifiziert, schafft die Voraussetzung für die Teilnahme am Datenökosystem von morgen.

Was das für produzierende Unternehmen konkret bedeutet

Ein Hersteller von Schaltanlagen liefert künftig nicht nur das Gerät – sondern eine maschinenlesbare AAS-Instanz dazu. Der Abnehmer liest diese direkt in seine Engineering-Software, sein ERP oder seinen digitalen Zwilling ein. Manuelles Erfassen entfällt.

Für Hersteller elektrotechnischer Komponenten (NACE 27) bedeutet das eine schrittweise Verpflichtung: Wer in den Lieferketten großer Kunden – OEMs oder Anlagenbauer – verbleiben will, muss datenfähig werden. Manufacturing-X definiert, wie diese Datenfähigkeit aussehen soll.

Stand der Umsetzung 2026: Pilotprojekte und erste Ergebnisse

In den Jahren 2023 bis 2025 entstanden zahlreiche Pilotprojekte unter dem Manufacturing-X-Dach. Branchenspezifische Use-Case-Konsortien haben erste reale Implementierungen gestartet – u. a. für den Produktkarbonfußabdruck (SiGREEN), Kreislaufwirtschaft und vorausschauende Wartung.

Die AAS-Norm IEC 63278 ist verabschiedet. ECLASS hat seine Datenstruktur AAS-kompatibel gestaltet. Mehrere Open-Source-Tools zur AAS-Erstellung sind verfügbar. Die Infrastruktur steht – aber die Flächendeckung im Mittelstand fehlt noch deutlich.

Kritische Einordnung: Was fehlt noch für breite Industrierelevanz?

Manufacturing-X ist konzeptuell stark. Die Umsetzung hat jedoch drei klare Schwachstellen:

1. Der Mittelstand ist noch nicht erreicht. Die meisten aktiven Teilnehmer sind Großunternehmen und Verbände. Kleine und mittelgroße Zulieferer – etwa Kabelhersteller oder Transformatorenwickler – sind kaum eingebunden. Dabei sind sie das Rückgrat der deutschen Elektroindustrie.

2. Datenqualität ist die unterschätzte Hürde. Eine AAS ist nur so gut wie die Daten, die in ihr stecken. Viele Hersteller haben ihre Produktdaten nicht strukturiert genug, um sie in standardisierte Formate zu überführen. Product Information Management (PIM) und Master Data Management werden zur Voraussetzung – nicht zur Option.

3. Fehlende Marktmechanismen erzeugen keinen Pull. Solange keine Großkunden AAS-konforme Lieferdaten verbindlich einfordern, bleibt die Teilnahme freiwillig – und damit langsam. Ein klarer ökonomischer Anreiz fehlt noch.

Praxisbeispiel: AAS-Einstieg für einen Kabelhersteller

Ein mittelständischer Hersteller von Steuerleitungen (NACE 27.32) will seine Produkte AAS-fähig machen. Ein realistischer Einstieg umfasst drei Schritte:

  1. Produktdaten konsolidieren: Alle relevanten Merkmale – Querschnitt, Spannungsklasse, Temperaturbereich, Zertifikate – strukturiert in einem zentralen System erfassen.

  2. ECLASS-Mapping: Die Produktgruppen den entsprechenden ECLASS-Klassen zuordnen. Das schafft die Grundlage für maschinenlesbare Klassifikation.

  3. AAS-Instanz generieren: Mit verfügbaren Open-Source-Tools oder kommerziellen Lösungen eine AAS-Instanz je Produktfamilie erstellen.

Das Ergebnis: maschinenlesbare Produktdaten, die in Kundensysteme integrierbar sind – und die Grundlage für spätere Datenraum-Teilnahme bilden.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Manufacturing-X und Catena-X?

Catena-X ist ein branchenspezifisches Ökosystem für die Automobilindustrie. Manufacturing-X ist der übergeordnete, branchenübergreifende Rahmen. Catena-X ist eines von mehreren Use-Case-Konsortien unter dem Manufacturing-X-Dach.

Muss ich als Komponentenhersteller jetzt handeln?

Noch ist nichts verpflichtend – aber die Richtung ist klar. Wer Datenstrukturen heute aufbaut, ist morgen wettbewerbsfähig. Wer wartet, riskiert den Anschluss, wenn Großkunden AAS-Daten zur Lieferbedingung machen.

Was kostet die Einführung einer AAS?

Die Kosten hängen stark von der Ausgangslage der Produktdaten ab. Wer strukturierte Stammdaten hat, kann mit überschaubarem Aufwand starten. Wer PIM-Systeme erst aufbauen muss, investiert deutlich mehr Zeit und Geld vorab.

Was ist die Asset Administration Shell technisch?

Die AAS ist eine JSON- oder XML-basierte Dateistruktur, standardisiert durch IEC 63278. Sie enthält Sub-Models für verschiedene Aspekte eines Assets: Identifikation, technische Merkmale, Zertifikate, CO₂-Fußabdruck und weitere.

Ist Manufacturing-X nur für die Automobilindustrie relevant?

Nein. Der Fokus liegt auf der gesamten produzierenden Industrie – Elektroindustrie, Maschinenbau, Chemie, Energie. Hersteller elektrotechnischer Komponenten (NACE 27) sind ein zentraler Adressat der Initiative.

Fazit

Manufacturing-X ist keine Revolution, sondern die logische Fortsetzung von Industrie 4.0 – mit einem neuen Fokus auf Datensouveränität und unternehmensübergreifende Vernetzung. Die technische Infrastruktur steht. Was fehlt, ist die Brücke in den Mittelstand. Diese Brücke beginnt bei der eigenen Datenbasis: strukturierte, klassifizierte Produktdaten sind der erste und entscheidende Schritt – noch bevor über Datenräume oder AAS-Instanzen nachgedacht wird.

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