Was ist der Unterschied zwischen ETIM und eClass für die Produktklassifikation?

Wann verwendet wer ETIM, wann eClass und was sind die Mehrwerte in der Praxis?

Kurt

Nick Petrovic

Co-Founder

Insight

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Was ist der Unterschied zwischen ETIM und eClass für die Produktklassifikation?


ETIM und eClass sind die beiden dominanten Klassifikationsstandards für technische Produkte im B2B-Bereich. Wer Produktdaten strukturiert pflegen, austauschen oder in E-Commerce-Systeme integrieren will, steht vor der Frage: Welcher Standard passt zu meiner Branche und meinen Anforderungen? Dieser Artikel erklärt die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und zeigt, wann welcher Standard sinnvoll ist.

Kurzantwort: ETIM ist ein eigenschaftsbasierter Klassifikationsstandard, der ursprünglich für den Elektrogroßhandel entwickelt wurde und heute in der Elektro-, Installations- und HLK-Branche dominiert. eClass ist ein branchenübergreifender Standard mit ISO-Zertifizierung und größerer Branchen- und Länderbreite. Der Hauptunterschied liegt in der Branchenfokussierung, der Verwaltungsstruktur und der internationalen Verbreitung.

Was ist ETIM?

ETIM (European Technical Information Model) wurde Ende der 1990er-Jahre vom niederländischen Elektroverband entwickelt. Heute wird es von ETIM International verwaltet und ist in über 20 Ländern aktiv. Der Standard definiert Produktklassen mit einheitlichen Merkmalen, Werten und Einheiten – ausschließlich für technische Produkte. Hauptanwender sind Hersteller, Großhändler und Plattformen in der Elektro-, Automatisierungs- und Sanitär-/Heizungs-/Klimatechnik (SHK/HLK).

Branchen: Elektrotechnik und Installationstechnik, Sanitär/Heizung/Klima (SHK/HLK), Automatisierungstechnik.

ETIM organisiert Produkte in Klassen. Jede Klasse hat festgelegte Merkmale (Features), Einheiten und Wertelisten. Versionen werden regelmäßig aktualisiert – aktuell ist ETIM 9.

Was ist eClass?

eClass ist ein ISO/IEC-zertifizierter (ISO 13584, IEC 61360) Klassifikationsstandard, der branchenübergreifend einsetzbar ist. Entwickelt in Deutschland, wird er heute von der eClass e.V. gepflegt und ist als offizieller Standard im deutschen und europäischen Beschaffungswesen anerkannt. eClass umfasst mehr als 44.000 Sachmerkmale und deckt Branchen von Chemie über Maschinenbau bis hin zu Medizintechnik ab.

Branchen: Maschinenbau und Anlagenbau, Chemie und Kunststoffe, Medizintechnik, Automotive, Elektrotechnik (überschneidend mit ETIM).

eClass gliedert Produkte in einer vierstufigen Hierarchie: Segment → Hauptgruppe → Gruppe → Untergruppe. Produkte erhalten einen 8-stelligen Code. Das Advanced-Format erlaubt zusätzlich eigenschaftsbasierte Beschreibungen, ähnlich wie ETIM.

Gemeinsamkeiten

Beide Standards verfolgen dasselbe Grundprinzip: Produkte werden nicht nur benannt, sondern über definierte Eigenschaften (Merkmale) beschrieben. Das ermöglicht strukturierten Datenaustausch zwischen Herstellern, Händlern und Systemen – unabhängig von Sprache oder Systemlandschaft. Beide sind in Basisversionen kostenfrei nutzbar und werden aktiv weiterentwickelt.

Die fünf wichtigsten Unterschiede

1. Branchenfokus

ETIM ist spezialisiert auf technische Gebäudeausrüstung und Elektrotechnik. eClass ist generalistisch und deckt nahezu alle Industriebranchen ab. Wer ausschließlich in der Elektrobranche tätig ist, findet in ETIM eine tiefere, praxisnähere Klassifikationslogik.

2. Internationale Verbreitung

ETIM ist in Europa gut etabliert – besonders in Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien. eClass hat durch die ISO-Zertifizierung formal mehr internationale Anerkennung, besonders in standardisierten Beschaffungsprozessen.

3. Verwaltung und Pflege

ETIM wird von einer international ausgerichteten Non-Profit-Organisation (ETIM International) mit starker Industriebeteiligung gepflegt. eClass e.V. hat eine engere Anbindung an das deutsche Normungswesen und ist BMEcat-kompatibel – relevant für standardisierte Ausschreibungen.

4. Klassifikationstiefe

ETIM bietet für seine Zielbranchen eine granulare, praxisnahe Klassifikation. eClass bietet Breite über viele Branchen; die Tiefe variiert je nach Produktgruppe. In klassischen Elektroprodukten ist ETIM detailreicher.

5. Technisches Format

ETIM arbeitet mit einem eigenen XML-Format (BMEcat-kompatibel). eClass unterstützt mehrere Formate, darunter XML und CSV, und ist PEPPOL-kompatibel – entscheidend für öffentliche Ausschreibungen in Europa.

Wann setzt man welchen Standard ein?

  1. Elektro, SHK, HLK → ETIM: Wenn die Hauptkundschaft Elektrogroßhändler, Fachhandwerker oder Gebäudetechnik-Plattformen sind, ist ETIM der De-facto-Standard. Plattformen wie ETIM Deutschland verlangen ETIM-konforme Daten.

  2. Maschinenbau, Chemie, Medizin → eClass: Wer branchenübergreifend agiert oder in Ausschreibungen nach öffentlichem Standard eingestuft werden muss, nutzt eClass.

  3. Beide Branchen relevant → Dual-Klassifikation: Viele Hersteller pflegen beide Klassifikationen parallel. Tools mit integrierter Klassifikationslogik ermöglichen eine automatisierte Ausspielung in beide Formate.

  4. Öffentliche Ausschreibung → eClass: Für BMEcat-basierte Kataloge in öffentlichen Beschaffungsprozessen ist eClass die bevorzugte Wahl.

  5. Internationaler Handel → beide prüfen: Im europäischen Markt sind beide anerkannt; die Wahl hängt oft von den Anforderungen des Handelspartners ab.

Häufige Fehler bei der Klassifikation

Falschen Standard für die Branche wählen: Ein Maschinenbauer, der nur ETIM-Klassen pflegt, wird von eClass-basierten Einkaufssystemen nicht korrekt erkannt – und umgekehrt.

Klassifikation als einmalige Aufgabe behandeln: Beide Standards werden laufend aktualisiert. Wer nicht mitwächst, verliert Systemkompatibilität bei der nächsten Versionsaktualisierung.

Fehlende Merkmalsbefüllung: Die bloße Klassenzuweisung ohne Pflege der Merkmale bringt keinen Mehrwert. Systeme werten nur vollständig befüllte Datensätze korrekt aus.

Standards verwechseln: ETIM-Klassen (z.B. "EC000001") und eClass-Codes (z.B. "27-27-01-04") sehen strukturell unterschiedlich aus. Fehler in der Zuweisung führen zu falschen Suchergebnissen auf Handelsplattformen.

Praxisbeispiel: Ein Elektrohersteller entscheidet

Ein Hersteller von Leitungsschutzschaltern vertreibt seine Produkte an deutsche Elektrogroßhändler und exportiert nach Skandinavien. Gleichzeitig beliefert er einen Anlagenbauer, der eClass-basierte Bestellprozesse nutzt.

Lösung: ETIM für den Kernvertrieb (Elektrogroßhandel, Plattformen), eClass für den Anlagenbauer. Die Produktdaten werden einmal gepflegt und automatisch in beide Formate ausgespielt – über ein PIM-System oder eine Klassifikationslösung mit integrierter Standardlogik. Der Mehraufwand für die Dual-Pflege ist bei sauberer Datenbasis überschaubar.

FAQ

Kann ich ETIM und eClass gleichzeitig nutzen?

Ja. Viele Hersteller führen beide Klassifikationen parallel. Voraussetzung ist ein PIM-System oder Klassifikationstool, das beide Standards verwaltet. Der Zusatzaufwand ist bei guter Datenbasis gering.

Welcher Standard ist verbreiteter?

Für den deutschen Elektrogroßhandel ist ETIM der Platzhirsch. Im branchenübergreifenden Bereich und in öffentlichen Ausschreibungen hat eClass eine stärkere Position.

Sind ETIM und eClass kompatibel?

Es gibt keine direkte Mapping-Norm, aber Bestrebungen zur Harmonisierung existieren. Einzelne Merkmalsdefinitionen überschneiden sich; eine 1:1-Übertragung ist jedoch nicht möglich.

Was kostet die Nutzung?

Beide Standards sind in der Basisnutzung kostenfrei. Für tiefere Integrationen können Lizenz- oder Mitgliedschaftsgebühren anfallen.

Wird es irgendwann einen einheitlichen Standard geben?

Konvergenzbemühungen existieren, insbesondere im Kontext europäischer Produktdatenrichtlinien und des EU Data Space. Eine vollständige Fusion ist kurz- bis mittelfristig jedoch nicht zu erwarten.

Fazit

ETIM und eClass lösen dasselbe Problem – strukturierte Produktbeschreibung – aber für unterschiedliche Zielgruppen. ETIM ist der Standard der Wahl für Elektro- und Gebäudetechnikprodukte in Europa. eClass deckt ein breiteres Branchenspektrum ab und ist besonders in standardisierten Beschaffungsprozessen relevant. Wer in beiden Welten agiert, sollte auf eine Dual-Klassifikation setzen und Prozesse frühzeitig automatisieren, um den Pflegeaufwand dauerhaft zu minimieren.

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